16.01.2022

Formate, Konferenz, Lesetipp, Spiele, Workshop und Aktionen

Keine Angst, die wollen nur Spiele machen

Von: MARCUS MUNZLINGER

Warum Game-Design Soziokultur für wirklich alle sein kann

Mit als Skepsis getarnter Neugier betreten die Mitglieder des Hannoveraner Clubs Mediale, einer selbstorganisierten Gruppe von Senior*innen, das Hannoveraner Kulturzentrum Pavillon. Niemand von ihnen hat mehr als eine vage Idee, was sich hinter dem Begriff „Game-Design“verbergen könnte, dem Titel ihres heutigen Treffens. Genauso geht es aber auch vielen anderen Zielgruppen der Soziokultur – und wahrscheinlich auch vielen Akteur*innen der Soziokultur selbst.

Game-Design bezeichnet schlichtweg den kreativen Prozess, sich ein Spiel auszudenken und zu entwerfen: Kontext, Ziel, Spielhandlung, Regeln, ästhetische Darstellung. Damit umfasst diese Tätigkeit sowohl die Arbeit an analogen Spielen (Brett- oder Kartenspiele, Bewegungsspiele, Rollenspiele) als auch an den beinahe unendlich vielen Genres digitaler Spiele. Letztere sind mittlerweile auch ohne jedwede Programmierkenntnis oder Vorerfahrung in digitalem Design herstellbar. Je nach Genre gibt es Angebote – sowohl kostenpflichtige als auch kostenlose –,die in ihrer Funktionsweise ähnlich aufgebaut sind wie die populären Social-Media-Anwendungen: Schaltflächen für Text, Felder, in die Bild-, Audio- und Videodateien geladen werden können, sowie verschiedene Optionen für die Darstellung und die Aktionsmöglichkeiten der Spieler*innen. Nichts, vor dem sich jemand fürchten müsste.

Komplett trivial ist Game-Design natürlich nicht. Wie bei allen kulturellen Tätigkeiten machen der Grad der Professionalität sowie die zeitlichen und finanziellen Ressourcen enorme Unterschiede aus. Allerdings scheint es so, als ob gerade in der Soziokultur die Hemmschwelle größer ist als etwa bei Theater-, Musik- oder Filmprojekten, und auch dort ist der Anspruch ja nicht, dass das Endprodukt mit der Hochkultur oder der Industrie mithalten muss. Natürlich ist uns soziokulturellen Projektleiter*innen auch an einem qualitativ möglichst hochwertigen Kulturgut am Ende des Prozesses gelegen; doch das Wesentliche ist, dass die Arbeit an dem Produkt Laien Kulturtechniken, Wissen über die Gesellschaft und über Vernetzung vermittelt und ihnen einen Austausch über relevante Themen ermöglicht. Wir denken in Formaten.

Game-Design kann vielfältige Kulturpraktiken und Interessen umfassen und diese in Zusammenhang mit politischer Auseinandersetzung bringen. Spiele sind sehr häufig eine Form, um eine Geschichte partizipativ zu erzählen. Handlung und Ziel des Spieles werden durch Storytelling in einen allgemeinen Rahmen eingebettet. In kreativen Prozessen lässt sich mit unterschiedlichen Zielgruppen viel miteinander verbinden: Momente des kreativen Schreibens, die Inszenierung, also die Planung des Raumes (ob nun virtuell, in Form eines Spielbrettes oder eines tatsächlichen analogen Raumes) und die Performance der Spieler*innen. Zudem verlangt jede Form des Spiels nach einer ästhetischen Umsetzung, sei es die Gestaltung von Spielkarten, eines räumlichen Spielfeldes oder einer digitalen Schaltfläche.

Im theatral-dramaturgischen Kontext wie auch in digitalen Spielen können musikalische, audiovisuelle und grafische Elemente genutzt werden. Weist das Thema des Spiels eine gesellschaftspolitische Fragestellung auf, gibt es praktisch keine individuelle Fähigkeit, kein individuelles Interesse, das das Format Game-Design nicht einbeziehen kann. Es ist somit ein soziokulturelles Format par excellence. Die Teilnehmenden des Clubs Mediale in Hannover hatten an diesem Prä-Corona-Tag enorme Freude daran, Erinnerungen an ihren Stadtteil in eine fiktive Geschichte im Rahmen einer Spiele-App zu überführen.

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