13.01.2022

Konferenz

Argumentation gegen Diskriminierung im Stadtteil und anderswo

Von: DAVID ADERHOLZ

Auch in unseren Stadtteilen kommt es immer wieder vor, dass uns (diskriminierende oder autoritäre) Positionen begegnen, denen wir widersprechen wollen oder bei denen wir ein Unbehagen verspüren. Was passiert in diesen Momenten eigentlich und wie gehen wir am besten vor?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich der eigenen Haltung und Motivation bewusst zu werden: Welche Welt- und Menschenbilder prägen mich und meine Positionen? Für welche Grundeinstellungen möchte ich kämpfen? Wo sind meine roten Linien? Die Antworten auf diese Fragen begründen die eigene Motivation in solchen Situationen zu intervenieren. Hat man sich dies einmal bewusst gemacht, lassen sich in plötzlich auftretenden Situationen viel einfacher Argumentationen und Handlungen entwickeln. Man weiß, wieso man den geäußerten Positionen entgegentreten möchte und wo sie den eigenen Grundüberzeugungen entgegen laufen.

Für eine offene und demokratische Gesellschaft ist es wichtig ein humanistisches Menschenbild als Grundlage der Argumentation zu haben. Alle Menschen sollten die gleichen Rechte haben und sich frei entfalten können. Auf dieser Grundlage können wir diskriminierenden und autoritären Positionen und Strukturen widersprechen. Begegnet uns eine Position, der wir widersprechen wollen, ist es sinnvoll zu analysieren, was gesagt wurde und welche Motivation dahinter

steckt, und weiterhin, was die Situation für Möglichkeiten der Intervention bietet. Diese Analysen machen wir häufig unbewusst. In einer unvorhergesehenen Situation muss die Reaktion ad hoc passieren. Deswegen ist es wichtig, diese Überlegungen bewusst und im Vorhinein anzustellen, um in einer Überraschungssituation zielgerichteter zu reagieren.

Für die Analyse von Inhalt und Motivation nutzen wir das sogenannte Argumentationsdreieck. Eine Aussage enthält demnach immer Botschaften auf der Fakten-, der Motivations- und der Appell-Ebene. Auf welche (vermeintlichen) Fakten wird sich bezogen oder welche (vermeintlichen) Fakten werden impliziert? Welche Grundhaltung und welches Menschen- und Gesellschaftsbild motiviert die Aussage oder Handlung? Welche anderen Motive könnten hinter der Aussage stehen? Welche Appelle werden mit der Aussage verbunden? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Gesagten, wenn man es zu Ende denkt?

Diese Überlegungen geben einen ersten Impuls, wie und auf welcher Ebene (manchmal macht es auch Sinn auf mehreren Ebenen zu argumentieren) man auf die Aussage reagieren möchte.

Daran anschließend sollte eine Analyse der Situation vorgenommen werden: wen kann und will ich in dieser Situation erreichen? Wer hört mir zu? Ist das nur die Person, die die diskriminierende Äußerung getätigt hat oder erreiche ich andere Personen? Sind Betroffene anwesend, die es vor weiteren Verletzungen zu schützen gilt? Ist die Person, die die Aussage getätigt hat, noch Argumenten zugänglich oder hat sie eine gefestigte Position? (Motivations-Ebene im Argumentationsdreieck). Je nachdem, zu welchen Schlüssen ich in meiner Analyse komme, kann ich mich dann zwischen verschiedenen Argumentationsstrategien entscheiden. Die verschiedenen Strategien richten sich an jeweils unterschiedliche Zielgruppen (sind die Personen Argumenten zugänglich oder eben nicht). Beim Überzeugen versuche ich das Gegenüber mittels Fakten von meiner Position zu überzeugen. Durch das Schildern von Beispielen und ihren Folgen kann ich Empathie für Betroffene wecken. Mittels positiver Gegenbeispiele ermögliche ich andere Wahrnehmungen. Mit dieser Strategie kann ich Unentschlossene für meine Position gewinnen und humanistische Menschen in ihrer Argumentation stärken. Bei Personen mit einer gefestigten Position besteht das Risiko einer Ping-Pong-Diskussion, in der die diskriminierende Person ihre Positionen ausbreiten kann.

Eine daran anschließende Strategie ist das Hinterfragen. Hier versuche ich Widersprüche im Gesagten herauszufordern oder durch geforderte Definitionen und Klarstellungen, die Drastik des Gesagten offen zu legen. Dabei hat mein Gegenüber die Möglichkeit die eigene Position darzulegen, gleichzeitig besteht aber die Chance der Selbstentlarvung beziehungsweise, dass den Umstehenden durch die Klarstellungen die Menschenverachtung der Positionen deutlich wird.

Wesentlich konfrontativer ist die Strategie innerhalb einer Gruppe Gegenstimmung zu forcieren. Dabei fordere ich Umstehende auf, Position zu beziehen. Dabei ist es wichtig ein Gespür für die Positionen innerhalb der Gruppe zu haben. Mein Ziel ist es, dass die diskriminierende Position durch Gegenstimmen aus der Gruppe weiter disqualifiziert wird. Positionieren sich andere auf Seiten der diskriminierenden Person, schwächt das meine Position.

Kommt man mit alledem nicht weiter, dann bleibt noch die Strategie des Unterbindens. Je nach meinen Möglichkeiten entziehe ich der Person das Wort, indem ich sie zum Schweigen auffordere oder sie auch des Raumes verweise. Dabei ist es wichtig nur solche Konsequenzen anzudrohen, die dann auch umgesetzt werden können und diese Intervention für die übrigen Anwesenden inhaltlich gut zu begründen, damit kein Solidarisierungseffekt stattfindet. Ein Wechsel der Strategien sollte immer von partnerschaftlich in Richtung konfrontativ stattfinden, ein Wechsel in die entgegengesetzte Richtung erscheint unglaubwürdig.

Und jetzt werdet aktiv in euren Stadtvierteln!

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