Zeitschrift SOZIOkultur zum Thema „Kooperation und Vernetzung“ erschienen!

Die neue Ausgabe der SOZIOkultur widmet sich ganz dem Thema „Kooperation & Vernetzung“. Als kleines Appetithäppchen haben wir – natürlich ! – einen Bericht über die UTOPOLIS-Jahreskonferenz:

Digitale Vernetzung ist Happening – Die UTOPOLIS-Jahreskonferenz 2019

Text: Nikolaus Hausser

Als sich am Morgen die Türen der ufaFabrik öffnen, strömen die Teilnehmer*innen und Referent*innen in die Räumlichkeiten des seit vier Jahrzehnten selbstverwalteten Kultur- und Lebensprojektes in Berlin-Tempelhof. Aus ganz Deutschland sind sie mit den unterschiedlichsten Erwartungen zur Jahreskonferenz von UTOPOLIS angereist.
Das Quartiersprogramm fördert Stadtentwicklung durch Kultur und wird mit Mitteln des Programms „Soziale Stadt“ vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat im Verbund mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien großzügig unterstützt. Ideenreich werden nachhaltige Projekte mit Modellcharakter an verschiedenen Orten und im Zusammenspiel mit den Bewohner*innen entwickelt. Insgesamt fließen rund 8,25 Millionen Euro bis 2023 in die Verbesserung und Stärkung der Quartiere.
Am ersten Tag stehen die handelnden Personen im Mittelpunkt, die vor Ort für die 16 Einzelprojekte verantwortlich sind. In moderierten Gesprächen geht es darum, wie man gemeinsam von erarbeitetem Wissen und voneinander profitieren kann und welche Strategien und Programme das digitale Zeitalter dafür bereithält. Ein positiver Grundimpuls überstrahlt von Beginn an die Tage: Man hat sich viel zu erzählen und will sich austauschen, um Kraft und Inspiration für die anstehenden Aufgaben zu Hause zu tanken.

In den Farben von UTOPOLIS

Ansteckend ist die lebhafte Stimmung auch für Corinne Eichner vom Vorstand der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren, die in Gelb und Schwarz, also in den Leitfarben von UTOPOLIS, die Bühne betritt. „Ich habe mich selbst mitten im Vortrag darüber gewundert, dass es da eine sichtbare Ähnlichkeit in den Farben gegeben hat“, lacht sie in der Pause nach ihrem anregenden Einstieg, in dem sie über die besondere Bedeutung von Kooperationen gesprochen und neben den bereits seit einem Jahr aktiven Standorten die vier neuen Quartiere von UTOPOLIS in Flensburg, Lübbenau, Neunkirchen und Dresden begrüßt hat. Fast alle Akteure hätten sich nach ihrer Beobachtung mittlerweile hervorragend vernetzt und überdies spannende Kooperationspartner aus unterschiedlichsten Bereichen gefunden, um gemeinsam an einer nachhaltigen, verstetigten Zukunft zu arbeiten.

In seinem Impulsvortrag referiert Apostolos Tsalastras, Kulturdezernent und Stadtkämmerer der Stadt Oberhausen über die Innovationskraft von soziokulturellen Zentren. Oberhausen beheimatet gleich fünf solcher Zentren, bundesweit ein Spitzenwert – in einer der ärmsten Kommunen Deutschlands. Niemand sei so nah dran an der Stadtgesellschaft wie die Soziokultur und er fordert auf, sich zu innovativen Ideenschmieden zu entwickeln. Er räumt ein, dass städtische Verwaltungen nicht immer die einfachsten und manchmal zu starre Partner seien, trotzdem lohne der Blick auf die Dinge, die gemeinsam möglich sind. Mehr Potenzial für Vernetzung sieht er mit anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie Schulen. Diese Kooperationen könnten für die Zentren auch ein Motor der eigenen Professionalisierung sein.

Die Außensicht

Die Moderatorin Adrienne Braun stellt im Anschluss das Podium vor. Unter der Leitfrage: „Wie lässt es sich am besten mit Wirtschaft, Wissenschaft, großen Institutionen und Stiftungen kooperieren?“ sollen Chancen von Kooperationen diskutiert werden. Die Diskutant*innen sind: André Koch-Engelmann (UPJ e.V. – Netzwerk für Corporate Citizenship und CSR), Daniela Koß (Stiftung Niedersachsen), Bettina Heinrich (Evangelische Hochschule Ludwigsburg) und Anne Wiederhold-Daryanavard (Kulturzentrum Brunnenpassage in Wien). In der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft werde von den Zentren oft nur an Geld gedacht. Entscheidend sei jedoch auch, eine gemeinsame Kommunikationsebene zu finden, sagt André Koch-Engelmann. Daniela Koß, die in der glücklichen Position ist, Geld zu verteilen, sagt, dass es für ihre Stiftung ausschlaggebend sei, nachhaltige Strukturen zu fördern.

Die Innensicht

Anne Wiederhold-Daryanavard weist darauf hin, dass Kooperationen zwar mittlerweile selbstverständlich, aber für den kleineren Partner häufig schwierig in der Umsetzung seien. Die ungleiche Größe von Institutionen sei ein großes Problem und zu oft seien die großen „Kulturtanker“ nur an einem Audience Development interessiert. Wichtig sei es, sich auf Augenhöhe mit den Leitungsebenen auszutauschen und nicht nur mit den Kommunikations- und Vermittlungsabteilungen. Soziokulturelle Zentren böten durch Agilität und einen zeitgemäßeren Blick neue Perspektiven an, die sie auch als kleinere Partner auf einer großen Bühne mitspielen ließen. Die anderen Podiumsteilnehmenden betonen in ihren Statements, dass die Zentren ihre Chancen auf Förderungen steigern könnten, wenn sie die betreffenden Institutionen besser verstünden. Koch-Engelmann verweist darauf, dass es oft schon an der unterschiedlichen Sprache scheitere, die gesprochen wird.

Wie kooperiere ich mit wem?

Die lebhafte Diskussion wird in den Nach-Tisch-Gesprächen unter dem großen Zelt der ufaFabrik fortgesetzt. Hierbei geben die UTOPOLIS-Akteure Einblicke in einzelne Schwerpunkte ihrer Arbeit vor Ort. In den anschließenden Workshops zum Thema „Wie kooperiere ich mit wem?“ ist vor allem die Perspektive der Workshopleiter*innen spannend für die Teilnehmer*innen, die aus Ministerien, soziokulturellen Zentren und Verbänden, aus dem Quartiersmanagement und kleinen Sozialvereinen kommen.
Im Workshop von Daniela Koß beispielsweise setzt sich die Diskussion vom Vormittag fort. Förderung heißt bei der Stiftung Niedersachsen auch immer Interesse am konkreten Projekt. Stiftungen seien nicht nur reine Geldgeber, sondern auch interessiert an Inhalt und struktureller Ausrichtung. Wenn man die Funktionsweisen von Stiftungen berücksichtige, werde es leichter, Förderungen zu erhalten. Um dem zu entsprechen, bieten in Niedersachsen fünf Berater*innen des Landesverbandes Soziokultur Hilfe bei Anträgen und damit zusammenhängenden Fragen an. Gerade für Mitarbeiter*innen von kleineren Initiativen und Zentren ist diese Unterstützung oft nützlich.

Chancen der Digitalisierung nutzen

Der zweite Konferenztag startet mit einem Impulsvortrag zum Thema Digitalisierung und Zivilgesellschaft von Dr. Holger Krimmer, Geschäftsführer der ZiviZ gGmbh.
Er legt mit Zahlen den Wandel der Gesellschaft dar und wirbt für ein intensives Engagement der Soziokultur in der digitalen Welt. Die Soziokultur solle die Menschen vor Ort abholen. Dazu sei es nötig, alte Konzepte zu überdenken und die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. In den sich anschließenden Workshops geht es um verschiedene Möglichkeiten digitaler Vernetzung, die die überwiegende Zahl der Teilnehmer*innen begeistert aufnimmt. Um die Menschen vor Ort abzuholen, ist es nötig, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

Nicht brav, sondern Happening!

Allein die Auseinandersetzung mit der Technik regt die Fantasie vieler Teilnehmer*innen so an, dass die Abschlussrunde am Nachmittag stellenweise eher einem Happening als einer braven Präsentation gleicht. Neue digitale Beteiligungs- und Abstimmungsapps wie Mentimeter führen zu schnellen und zielgenauen Meinungsbildern innerhalb des Plenums, mit deren Hilfe auch zurückhaltende Teilnehmer*innen sich besser beteiligen können – ein echter Zugewinn und am Ende ein sehr demokratisches Element innerhalb einer Konferenz. Mentimeter ist aber nur eine von vielen interaktiven Softwares und so kehren die Teilnehmer*innen voller neuer Ideen und Kontakte im Gepäck in ihren Arbeitsalltag zurück. Die Organisatorin der Konferenz und UTOPOLIS-Projektleiterin Kristina Rahe resümiert: „Ich bin äußerst zufrieden, denn ich habe das Gefühl, alle haben etwas Sinnvolles aus der Konferenz mitnehmen können und inspirierende Begegnungen gehabt. So wird beispielsweise der Johannstädter Kulturtreff aus Dresden, der neu dabei ist, sich mit dem Nürnberger Projekt #LNGWSSR zum Thema anwohnerorientierte Neugestaltung des Kulturzentrums mit Methoden wie E-Partizipation austauschen und damit ganz viel bereits Erprobtes in ihr eigenes Quartier übertragen.“ Digitale und analoge Vernetzung wurde in den zwei inhaltsreichen Tagen ganz plastisch erlebt, ausprobiert und als Chance verstanden.

Die gesamte Online-Ausgabe findet sich hier