17.01.2022
Konferenz, Lesetipp

Blick nach vorne – Raum in der Soziokultur neu denken

Von: JOCHEN MOLCK   

Von jeher stellt Soziokultur Raum und Räume in der Gesellschaft infrage. Im Zusammenhang mit Globalisierung und Digitalisierung und befeuert durch die Corona-Krise ändert sich das Verständnis von Raum und der Umgang damit – auch für die Soziokultur.

Räume verändern ihre Bedeutung
„Räume für Soziokultur“ war das Thema der diesjährigen UTOPOLIS-Konferenz, die erstmals in einem eigens dafür geschaffenen virtuellen Konferenzraum stattfand, inklusive einem Markt der Möglichkeiten, digitalen Pausenräumen und abendlicher Disco. Fast so wie im richtigen Leben. Das Thema ist sicherlich nicht neu, hat durch Corona aber einen neuen Stellenwert bekommen. Warum? Zum einen haben viele soziokulturelle Zentren und Initiativen erfahren, wie wichtig das direkte kulturelle Umfeld geworden ist; zum anderen wurde der Raum ganz allgemein neu gedacht: Durch die diversen Lockdowns waren die gewohnten Räume zeitweilig nicht verfügbar, der virtuelle, aber auch der öffentliche Raum wurden neu entdeckt. Dazu kam, dass Menschen auch ihre privaten Räume zur Verfügung stellten, um Wohnzimmerlesungen oder Balkonkonzerte zu organisieren.

Für Kulturmacher*innen führte das zwangsweise Innehalten, die Unterbrechung des Hamsterrades, in dem sie oft stecken, nach einer Phase des Frustes aber auch zu so etwas wie Aufbruchstimmung, dazu, Motivation neu und anders zu denken, zu Lust auf Veränderung und mehr Mut für Zukunft. Das war beim Kulturkongress zu spüren, den der Kulturrat Nordrhein-Westfalen Anfang Mai organisierte, bei der Tagung „Soziokultur im Change!“ in Niedersachsen oder bei lokalen Diskussionen in anderen Bundesländern.

Dass der kulturelle Nahraum an Bedeutung gewinnt, ist ein Trend, der schon vor Corona zu beobachten war. In einer immer komplexer gewordenen Welt mit vielen offenen Fragen suchen Menschen nach überschaubaren Strukturen, verlassen sich eher auf Nachbarschaften und eigene Communities. „Global denken, lokal handeln“ ist ein populärer Slogan. Die Lebensmittel-Ausgabe für Bedürftige sorgt nicht für Verteilungsgerechtigkeit und das gemeinschaftlich genutzte Lastenrad für das Quartier schützt nicht vor dem Klimawandel, aber es sind Beispiele für konkretes Handeln, erste Antworten auf die Frage „Wie wollen wir leben?“.

Viele Zentren sind gerade in der Corona-Zeit kreativ geworden, haben Nachbarschaftshilfe organisiert oder kleine Konzerte vor Alten- und Pflegeheimen, sie haben Tanzworkshops online veranstaltet und den Poetry Slam live über Zoom gestreamt.

Räume anders definieren
Um Räume neu zu denken, müssen wir sie anders als über ihre Funktion definieren, wonach wir Räume fürs Wohnen nutzen und andere fürs Arbeiten, für Verkehr, Konsum, Freizeit. Auch Eigentumsverhältnisse wären ein Kriterium, so gibt es öffentlichen und privaten Raum. Vor allem sollten wir Kulturakteur*innen uns davon lösen, nur den Raum zu betrachten, den wir im soziokulturellen Zentrum, im Kulturverein oder in der Initiative zur Verfügung haben. Denn darüber hinaus lassen sich öffentliche und private Räume nutzen, digitale sowieso. Warum nicht Veranstaltungen von Beginn an als hybrides Format planen und organisieren, und zwar nicht nur als Notlösung, sondern um Reichweite zu gewinnen und mehr Teilhabe zu ermöglichen?

Dafür ist mehr Flexibilität erforderlich und sicherlich auch die Überwindung eingefahrener Routinen. Andererseits bringen neue Ideen neue Erfahrungen mit sich, ein neues Publikum, mehr Kooperationspartner und letztendlich einen Bedeutungsgewinn soziokultureller Arbeit. Erfolgreiche Projekte, die ihren Aktionsraum ausweiten, lassen sich in allen Bundesländern finden, beispielsweise „Listen to your „neigbourhood“ in Hamburg Wilhelmsburg, wo das Netzwerk Musik von den Elbinseln unter Corona-Bedingungen mit gutem Erfolg ein dezentrales und hybrides Festival auf die Beine stellte.

Eigene Räume öffnen
Gleichzeitig sollten wir auch über unsere eigenen Räume nachdenken. Wie können wir sie noch mehr als bisher für Kooperation und Vernetzung öffnen, sie aneignungsfähiger machen? Auf der oben erwähnten Kulturratskonferenz in Nordrhein-Westfalen gab es dazu in der Arbeitsgruppe „Stand- und Spielbeine der freien Kulturarbeit“ eine interessante Diskussion, in der es um den Gedanken der Allmende ging, die gemeinschaftlich genutzte (und gepflegte) Weidefläche. Interessanterweise wird dieser Gedanke der Gemeinwohlbewirtschaftung auch von den internationalen Macher*innen der kommenden Documenta in Kassel 2022 aufgegriffen und unter dem indonesischen Begriff „Lumbung“ (für Reisscheune) zum Leitmotiv gemacht.

Der öffentliche Raum war in der Corona-Zeit ursprünglich nur eine Ausweichmöglichkeit, doch er bietet darüber hinaus einige Vorteile: Hier finden zufällige Begegnungen statt, hier lassen sich „Noch-nicht-Nutzer*innen“ erreichen, hier begegnet man Menschen außerhalb der eigenen Blase. Street Art, eine Performance, ein Pop-Up-Konzert, eine Skulptur können zu Kulturgenuss, aber auch zu inhaltlicher Auseinandersetzung über gesellschaftspolitische Fragen einladen. Formate wie thematische Stadtrundgänge, Stadtteil-Rallyes, Audiowalks oder Stationen-Inszenierungen boomen gerade.

Über den digitalen Raum wird im Moment viel debattiert: Die einen sind froh, nicht mehr darauf beschränkt zu sein, andere plädieren dafür, digitale Tools auch weiterhin kreativ zu nutzen und Digitalität grundsätzlich mitzudenken. Es gilt zu bedenken, dass die „Konkurrenz“ zu unserem soziokulturellen Angebot weniger in den Opernhäusern, Stadttheatern oder staatlichen Museen besteht, als im Angebot privatwirtschaftlich organisierter internationaler Medien- und Entertainment-Konzerne wie Netflix, Disney, Amazon Prime oder der Games-Industrie mit ihren hochprofessionellen Produkten und Vermarktungsstrategien.

Neue Räume erschließen
„Träume brauchen Räume“ las ich neulich auf einem Transparent an einem besetzten Haus (ja, so etwas gibt es noch), welches jetzt zu einem Wohn- und Kulturort umfunktioniert wurde, nachdem es Jahre lang ungenutzt leer gestanden hatte. Wenn Soziokultur den Anspruch einer Thematisierung gesellschaftlicher Fragen ernst nehmen will, dann sollten wir uns in herrschende Verhältnisse einmischen, unsere Räume (und Ressourcen) verteidigen und neue Räume erschließen.

In Nordrhein-Westfalen ist gerade eine neue Gründerwelle zu beobachten, angetrieben von überwiegend jüngeren Aktivist*innen in Duisburg (Stapeltor), Münster (B-Side), Düsseldorf (K22) mit neuen Konzepten und sehr viel Engagement, und das nicht nur in den urbanen Zentren, sondern durchaus auch im ländlichen Raum. Von dieser neuen Generation kann man und frau lernen, sie verdient unsere Unterstützung. Ich möchte mit meinen Einlassungen und Anregungen Mut machen, nach und vielleicht auch mit Corona nicht einfach zu alten Zuständen zurückzukehren, sondern einige Schritte nach vorne zu wagen, neue Räume für soziokulturelle Arbeit (und mit ihr) zu entdecken, zu besetzen und zu gestalten. Ideen dafür gibt es genug.

 

Abb.: Screenshots mit Eindrücken der Konferenz | Der Beitrag basiert auf der Keynote zur virtuellen UTOPOLIS-Konferenz „Soziokultur digital im Quartier“ am 16./17. September 2021. | https://utopolis.online


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