Szenarien einer Zusammenarbeit: Soziokultur und Sozialwissenschaften

Bettina Heinrich © Swen Gottschall, bloominds.com

Zwei – im wahrsten Sinne des Wortes ‚spannende’ – Themen stehen hier im Mittelpunkt: zum einen ‚die Kunst’ und ‚die Sozialwissenschaften’, zum anderen ‚die Kunst/Soziokultur’ und ‚die Soziale Arbeit’. Um Möglichkeiten der Kooperation, d.h. eines gewollten ‚Miteinanders’ auszuleuchten, ist es sinnvoll zu schauen, was die unterschiedlichen Handlungsfelder grundsätzlich verbindet und was sie trennt.

Fangen wir mit dem Verbindenden an und dem Spannungsfeld ‚Soziokultur’ als Vertreterin der ‚Kunst’ und der Sozialen Arbeit als sozialwissenschaftliche Profession. Beide, die Soziokultur und die Soziale Arbeit, haben qua eigenem Professionsverständnis einen klaren sozialen, im Sinne von gesellschaftlichen Auftrag. Es war die Soziokultur, die ‚das Soziale’ – über die praktische Umsetzung der Idee ‚Kultur für Alle’ – in ‚die Kunst’ und den Kulturbetrieb gebracht hat; ‚das Soziale’ ist quasi genetisch in die Soziokultur eingeschrieben. Dem gegenüber steht die Soziale Arbeit, die – auch wenn es selten wahrgenommen wird – nicht nur soziale Probleme löst, sondern Gesellschaft gestaltet und sich als Promotorin des sozialen Wandels versteht. Soziokultur und Soziale Arbeit verbinden darüber hinaus gleiche Handlungsprämissen. Grundlage sozialarbeiterischen Handelns ist der, in der Soziokultur selbstverständliche, erweiterte Kulturbegriff, verbunden mit der uneingeschränkten Anerkennung des Rechts auf gesellschaftliche und damit kulturelle Teilhabe. Das Grundprinzip gesellschaftlicher Lebensrealität, die Diversität ist in beiden Arbeitsfeldern ebenso selbstverständlich verankert wie die Handlungsprämissen der Lebenswelt-, Sozialraum- und Gemeinwesenorientierung.

Der grundsätzliche Antagonismus zwischen ‚Kunst’ und ‚Sozialem’ kann auch vor dem Hintergrund verschiedener politischer Programmatiken nicht aufrechterhalten werden. Kunst, Kultur, Kulturelle Bildung positionieren und legitimieren sich und ihr Handeln in erster Linie gesellschafts- und sozialpolitisch. Kunst wollte und will sich – im Moment vielleicht mehr denn je – gesellschaftlich einmischen. Nur ein Beispiel: Ralph Rugoff, der Kurator der diesjährigen Biennale in Venedig betont, dass es ihm bei der Ausstellung in erster Linie um „die soziale Funktion von Kunst“ gehe (https://universes.art/de/biennale-venedig/2019/ – 28.10.19). Ferner werden fast alle, in den letzten Jahren aufgelegten Förderprogramme im Kulturbereich sozialpolitisch begründet. „Kultur macht stark“, das größte Förderprogramm für Kulturelle Bildung adressiert Kinder und Jugendliche, „die eingeschränkten Zugang zu Bildung haben“  (https://www.buendnisse-fuer-bildung.de/de/inhalt-und-ziele-1715.html – 28.10.19). Auch bei UTOPOLIS steht über die Anbindung an das Bundesprogramm „Soziale Stadt“ der sozialpolitische Mehrwert im Vordergrund.

Natürlich wäre es zu kurz gegriffen, nur das Verbindende zwischen Kunst/Soziokultur und Sozialer Arbeit/Sozialwissenschaften zu betrachten. Kunst/Soziokultur und Soziale Arbeit unterscheiden sich im Hinblick auf methodischen Annäherungen einerseits und das professionelle Selbstverständnis, den professionellen Habitus andererseits. Kunst gibt den Raum, um Kommunikation spielerisch zu erforschen, ist nicht lösungsorientiert, sondern forschend, fragend, verwirrend, eigensinnig. Soziale Arbeit ist eher zielgerichtet, lösungsorientiert und unterliegt häufig gesetzlichen Rahmungen. Deutlich wird gleichwohl, wie skizziert, dass auch Kunst, Kultur, Soziokultur ‚Lösungen’ zu gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen beisteuern wollen und sollen.

Jenseits aller verbindenden und trennenden Aspekte zwischen ‚Kunst/Soziokultur’ und ‚Sozialer Arbeit/Sozialwissenschaften’ geht es bei der Kooperation um die Frage, wie ein konstruktives und produktives Miteinander gelingen kann, vor allem bei Akteuren und Akteurinnen, die aus unterschiedlichen professionellen und disziplinären Welten kommen und die sich zum Beispiel im Hinblick auf die Organisationsphilosophie, die Sektorenzugehörigkeit (Staat, Markt, Zivilgesellschaft), die Arbeits-, Organisationsstrukturen, die  Arbeitszeiten und -bedingungen (frei, angestellt). Unabhängig vom ‚Ausmaß’ der Unterschiedlichkeit der beteiligten Einrichtungen/Organisationen/ Unternehmen und Akteur*innen gibt es Gelingensbedingungen, die für alle multiprofessionellen und multidisziplinären Kooperationen gelten. Um nur wenige zu nennen: Die Ziele der Kooperation müssen gemeinsam definiert werden; alle beteiligten Akteurinnen und Akteure sind gleichwertig, stellen Ressourcen zur Verfügung, aber ihre unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen werden berücksichtigt; die Konzeption wird gemeinsam entwickelt, dabei ist der Austausch über professionsspezifische Ziele, Logiken sowie Verständnisse gemeinsamer Begriffe wichtig; unterschiedliche Aufgaben und Verantwortungen werden abgesprochen ebenso wie die Wege und Formen der Kommunikation und des Austauschs; und last but not least – die Leitungsebene sollte hinter dem Ganzen stehen. Die Gelingensbedingungen klingen einfach, einleuchtend und logisch. Gleichwohl ist Kooperation kein Selbstläufer; die größte Herausforderung mag sein, in dem o.g. multiprofessionellen und -disziplinären Setting eine kooperative (Grund-)Haltung zu entwickeln. Unabdingbar hierfür ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel der Beteiligten, den ‚anderen Blick’ auf das gemeinsame Tun ‚zu sehen’ und zu verstehen. Letztendlich geht es um die Aufrechterhaltung professionsspezifischer Differenz bei gleichzeitiger, kontinuierlicher Integration anderer Perspektiven und Wissensbestände.

Bettina Heinrich © Swen Gottschall, bloominds.com