Eingefahrene Wege verlassen

© Swen Gottschall, bloominds.com

„Man muss eingefahrene Wege verlassen“

 

Apostolos Tsalastras (SPD), Kulturdezernent und Stadtkämmerer von Oberhausen, hat gute Erfahrungen mit Vernetzung im Quartier gemacht.

 

Interview: Adrienne Braun

 

Herr Tsalastras, wie sieht aus Ihrer Sicht die ideale Kooperation in einem Stadtteil aus?

Die ideale Kooperation wäre, wenn sich die Akteure nicht nur kennen, sondern regelmäßig treffen, es also eine strukturelle Vernetzung gibt. Durch Zufall funktioniert Vernetzung nicht, deshalb sollte man sie institutionalisieren. Am besten nimmt das die Stadt in die Hand, damit das Projekt einen offiziellen Charakter bekommt. Schließlich brauchen wir nicht nur eine Vernetzung der sozialen Akteure, sondern auch von Unternehmen und Geschäftsleuten. Deshalb ist es gut, wenn es offiziell organisiert wird.

Ist es wichtig, dass möglichst viele Akteure beteiligt sind?

Für den allgemeinen Austausch wäre es gut, wenn es viele sind. Aber wenn es um bestimmte Themen geht, muss man die zusammensuchen, die hilfreich sind. Man braucht nicht immer alle auf einmal, das kann chaotisch werden.

Konnte man in Oberhausen durch Kooperationen schon konkret Dinge bewirken?

Auf alle Fälle. Das soziokulturelle Zentrum kitev – Kultur im Turm – hat in Zusammenarbeit mit Vonovia, der Stadt und freien Akteuren viel bewegt in einem Hochhaus, das sozial belastet ist und viele Leerstände hat. Es wurde belebt, die Bewohner wurden einbezogen und die vielen Aktivitäten haben eine positive Ausstrahlung in die Stadt.

Stellen sich bei besonders schwierigen Gebieten wie rund um den Hauptbahnhof andere Fragen als in anderen Vierteln?

Auf alle Fälle. Je sozial belasteter ein Gebiet ist durch hohe Sozialtransfers, hohen Migrationsanteil und hohe Arbeitslosigkeit, desto größer sind die Herausforderungen. Sie haben kein klassisches Klientel, das sich von selbst beteiligt. Das ist eine größere Herausforderung, wie wenn man in einem bürgerlichen Viertel den Park verschönern will, da machen alle mit.

Sind Sie auch aus Fehlern klug geworden?

Ja, man lernt bei jedem Projekt neu, dass man bestimmte Dinge im Vorfeld klären muss. Es sollten nicht im Prozess Probleme entstehen, die man nicht ausräumen kann. Soziokulturelle Zentren sind Orte, an denen Dinge mit viel Kreativität stattfinden, die die Stadtverwaltung so nicht machen würde. Deshalb muss man versuchen, auch bei den Behörden Akzeptanz zu finden.

Sind es immer die gleichen, die sich engagieren?

Oft ist das so, aber manchmal ist man überrascht, dass bei neuen Formaten neue Akteure auftauchen und sich neue Koalitionen auftun. Deshalb muss man die eingefahrenen Wege verlassen, denn dadurch bekommt man neue Beteiligte.

Wenn mehrere Akteure beteiligt sind, stellt sich die Frage, wer das letzte Wort spricht. Braucht man Leithammel oder eher flache Hierarchien?

Da kommt es auf das Projekt an. Flache Hierarchien sind wichtig, um möglichst viele zu bewegen und Dinge gemeinsam zu entwickeln. Ein konkretes Ziel lässt sich dagegen mit flachen Hierarchien schwer umsetzen. Wenn Sie etwa Fördermittel für Bautätigkeiten bekommen, sind sie an einen Zeitplan gehalten. Bei flachen Hierarchien würden Entscheidungen zu lang dauern.

Wird der Politik nicht der Hebel aus der Hand genommen, wenn soziokulturelle Zentren Gesellschaft gestalten und in Stadt- und Quartiersentwicklungen eingreifen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Politik hat Möglichkeiten, Projekte umzusetzen und die Stadtteile zu entwickeln. Sind die finanziellen Mittel nicht da, bewegt Politik nicht viel und ist oft dankbar für Engagement. Die Politik entscheidet nicht, was ein Geschäftsmann anbietet – und sie muss auch nicht entscheiden, was die Zivilgesellschaft an Aktivitäten entwickelt. Wenn sich diese im gesetzlichen Rahmen bewegen, ist das etwas, womit die Politik gut leben können sollte.

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