Die 8. Kulturpolitische Jahrestagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 28./29. April diskutiert, wie das Credo „Kultur für alle“ den aktuellen kulturpolitischen und sozialen Herausforderungen gerecht werden kann. Was bedeutet dieser Anspruch in der Praxis: sprich in kulturellen Einrichtungen, in Institutionen, in Dritten Orten, in der Soziokultur? Wie können Zugänge zu Angeboten aus Kunst/ Kultur erleichtert und neue Formate der Ansprache, neue Orte erschlossen werden? Wie bauen wir Brücken zwischen Ost und West für stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Fremdenfeindlichkeit?
Auf der kostenfreien Veranstaltung, die in Berlin stattfindet, werden kulturpolitische Vorhaben und Best Practice zur Stärkung kultureller und sozialer Teilhabe vorgestellt. Alle sind herzlich zum Verbinden, Verbünden und Vernetzen eingeladen!

Weitere Informationen zur Veranstaltung befinden sich hier.

Gewinner des Hamburger Stadtteilkulturpreises ist Mikropol e.V., der als Reaktion auf den Abriss des ehemaligen Stadtteilzentrums ein altes Toilettenhäuschen auf einer Verkehrsinsel in Hamburg Rothenburgsort zum neuen Leben erweckt hat: Umgebaut von Nachbar*innen, Freund*innen und Studierende der HFBK und HCU wurde es zu einem offenen Raum für den Stadtteil. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass das vom Verein entwickelte Programm Start a Revolution: Get to know your Neighbour!  ein gutes Beispiel für revolutionäre gleichzeitig klassische Stadtteilarbeit ist:  Es beinhaltet Mikrokino, Fotokurse und offene Musiksessions über Ausstellungen und Lesungen bis hin zu Hacky Sack Workshops für Kinder. Das Toilettenhäuschen wird als Tauschbibliothek, für Geburtstagsfeiern, zur Hausaufgabenhilfe oder Proberaum genutzt. Mikropol begreift sich zudem als politische Aktion, als Planungsbüro und Testort mit übergreifendem Ziel, ein neues Stadtteilkulturzentrum in Rothenburgsort aufzubauen. UTOPOLIS findet, dass das ein Beispiel für tolle Stadtteilarbeit ist! Der Preis ist mehr als verdient. Wir sagen herzlichen Glückwunsch!

Nähere Information zum Mikropol e.V. gibt es hier 

und hier noch ein Link zu einer Seite, auf der sich das Projektvideo befindet.

Ein gemeinsamer Ruf nach Frieden in der gesamten Welt, nach Gerechtigkeit und gelebter globaler Solidarität — aus Wichtlinghausen/Oberbarmen und aus Wuppertal.

Mit Musik und Friedensgedichten am Samstag, dem 9.4.2022 um 13:00 Uhr auf dem Berliner Platz ein Denkmal für den Frieden bauen: ein Ort des Gedenkens aus persönlichen Dingen, die bitte mitnehmen, Dinge, die erinnern, hoffen und wünschen lassen. Es können Blumen, Bilder, Steine, Kerzen niedergelegt oder Botschaften hinterlassen werden.

Eine Initiative der Färberei und der Mobilen Oase/ Die Wüste lebt!

In Kooperation mit Vereinen, Initiativen und Institutionen aus dem Stadtteil und der Stadt: DUNUA e.V., refugio e.V., Ost-West Integrationszentrum e.V., IB Wuppertal — JMD im Quartier, VDK Oberbarmen, Quartierbüro 422, KUBUS, Evangelische Kirchengemeinde Wichlinghausen/Nächstebreck, Bürgerforum Oberbarmen, SKJ Stadtteilarbeit, BOB Campus, Wuppertaler Friedensforum, Hauptschule Hügelstraße, Bürgerverein Langerfeld, GESA mit dem Projekt QUARLA, Armin T. Wegner Gesellschaft e.V., Akritas e.V., Wuppertaler Jugendrat und vielen mehr.

Die Veranstaltung findet auch bei Regen statt! Warm halten ist mit Tee und Bewegung möglich! Hier findet sich noch einen Veranstaltungsflyer und Aufruf zum Download. Bitte gerne teilen und weiter verbreiten!

 

Der Oberhausener Verein kitev, einer der beiden UTOPOLIS-Modellstandorte in Nordrhein-Westfalen, wird vom Programm NEUSTART KULTUR unterstützt, u.a. um der Digitalisierung des Vereins Anschub zu verleihen und eine pandemiegerechte Umgestaltung der Räumlichkeiten zu ermöglichen. Pia Sollmann aus dem Team NEUSTART KULTUR beschreibt ihre Vor-Ort-Reise.

Erdnüsse und Chips? Ich sitze mit rauchendem Kopf über einem zu prüfenden Beleg eines Verwendungsnachweises und versuche, die nicht-förderfähigen Snacks von den drei bewilligten vollautomatischen Sensor-Touch-Hygienestationen zu trennen. Da fällt mein Blick auf die Uhr. Zeit, den Essener Schreibtisch zu verlassen und sich eine geförderte Kultureinrichtung mal vor Ort anzuschauen. In der Praxis, ganz abseits der digitalen Akten, wie aufregend!

Der Bus 143 rattert vorbei an Büdchen, Kiosken und Trinkhallen – die man hier im Ruhrgebiet auf keinen Fall „Späti“ nennen darf – und spuckt mich schließlich am Oberhausener Hauptbahnhof aus. Und da ist er, der ehemalige Wasserturm, der dem soziokulturellen Zentrum kitev – was für „Kultur im Turm e.V.“ steht – als Hauptquartier dient. Seit 2006 gestaltet der Verein in Oberhausen ein vielfältiges Programm rund um Kunst und Kultur und adressiert damit immer auch die direkte Nachbar*innenschaft.

Ich werde von den drei Mitarbeiter*innen Markus Kötting, Gianna Gardeweg und Stefan Schroer fröhlich in Empfang genommen und Stück für Stück in die Historie des Vereins eingeführt und dabei zu den verschiedenen Spielstätten rund um den Bahnhof geführt.

Aus alt und stillgelegt mach Kultur!

Angefangen hat alles mit den Künstler*innen und Architekt*innen Agnieszka Wnuczak, Christoph Stark und Stefan Schroer, die den Auftrag bekamen, die im Jahr 1996 stillgelegten Bahngleise 4 und 5 des Oberhausener Bahnhofs zu einem Museumsbahnhof umzugestalten. Der Bahnhof, der 1847 eröffnet wurde und damit älter als die Stadt Oberhausen selbst ist, wurde damit auch zur Open-Air-Spielstätte für Kunst und Kultur.

Schnell fällt mein Blick vom leeren Bahnsteig auch auf den gegenüberliegenden Turm im Bahnhofsgebäude. Früher diente dieser einem großen Wasserspeicher für die alten Dampfloks, die anderen Räume wurden als Büros und Übernachtungsmöglichkeiten für die Schaffner*innen genutzt. Durch technischen Fortschritt war der Wasserspeicher bald nicht mehr nötig, die Räume leerstehend und die Künstler*innen sahen in dem alten Turm einen perfekten weiteren Standort für die Oberhausener Kultur. Mit der Deutschen Bahn wurde ein Nutzungsvertrag ausgehandelt, der noch bis mindestens 2040 läuft und über den die kitev-Mitglieder sehr erfreut sind – eine Situation, von der viele Kultureinrichtungen nur träumen können.

Ich freue mich, dass die bewilligten Mittel dadurch noch lange an Ort und Stelle ihren Zweck erfüllen dürfen und die detaillierten – für die Antragsteller*innen sicherlich oft aufreibenden – Nachfragen in der Antragsbearbeitung ihren Sinn hatten.

Vielfältige Kulturangebote für Oberhausen und das Ruhrgebiet

Vom Turm aus organisiert kitev nun das Programm im Turm selbst, auf dem Museumsbahnsteig, in einem leerstehenden „Supermarkt der Ideen“, im „Unterhaus“ sowie bei Bedarf in der ganzen Stadt. Der Verein und die Stadt profitieren von verschiedenen Förderprogrammen, deren Ziel es ist, den Strukturwandel im Ruhrgebiet voran und es mit Kultur wieder zum Glänzen zu bringen.

Und davon haben natürlich auch die Nutzer*innen der zahlreichen kitev-Angebote etwas: die „Refugees‘ Kitchen“ ist eine von Geflüchteten, Künstler*innen und geflüchteten Künstler*innen gebaute und betriebene mobile Küche, die von Ort zu Ort zieht und durch das gemeinsame Kochen und Essen Menschen zusammen und ins Gespräch bringt.

Die Freie Universität Oberhausen – einer der über UTOPOLIS geförderten Schwerpunkte des Standorts – setzt dem Mangel an Universitäten und Fachhochschulen in der Stadt etwas entgegen. Hier sind alle Menschen eingeladen, sich in verschiedenen Bereichen, von Upcycling über Gärtnern bis hin zu Migrationsthemen, fortzubilden oder selbst etwas zu lehren – und das geht hier sogar ohne Grundschulabschluss.

Im „Unterhaus“, dem Ladenlokal des sogenannten „Oberhauses“, einem Wohnhochhaus, das immer wieder als problematisch wahrgenommen wird, ist ein Kieztreff entstanden. Hier können Gruppen Treffen abhalten und es gibt KüfA (Küche für Alle) zum kleinen Preis, die die Bewohner*innen des stigmatisierten Hauses, Nachbar*innen und kulturell Interessierte zusammenbringen will.

Weitermachen trotz Corona

Die Corona-Pandemie kam den zahlreichen Vorhaben von kitev natürlich in die Quere. Veranstaltungen, Kurse, Workshops und Nachbarschaftstreffs mussten abgesagt werden. Je nach Pandemielage konnten noch Angebote stattfinden. Online-Angebote waren oftmals keine Alternative, da viele der Nutzer*innen nur im Direktkontakt auf der Straße abzuholen sind und durch Online-Angebote nicht angesprochen würden. „Immerhin hatten wir Glück im Unglück“, so Markus Kötting, „als Verein mit ohnehin ausschließlich kostenfreien Veranstaltungen, sind wir nicht von Eintrittserlösen abhängig“.

Mithilfe der Mittel durch NEUSTART KULTUR – Zentren konnten jedoch Angebote aufrechterhalten werden. Luftreiniger, ein leistungsstärkerer Internetzugang und eine erneuerte Website ermöglichten die Weiterarbeit vor Ort und digital und außerdem neue hybride Theaterformate. Durch ein neues Lichtleitsystem konnte der Museumsbahnhof im Sommer auch verstärkt als pandemiesichere Kulisse für Theateraufführungen und Open-Air-Kino genutzt werden.

Was Gianna Gardeweg, Markus Kötting und Stefan Schroer von kitev aus der Coronazeit mitnehmen, ist die gute Vernetzung, sowohl technisch als auch menschlich und institutionell, die sie in Pandemiezeiten weiter ausgebaut und umgesetzt haben. Abgesehen davon kann aber gerne schnell alles wieder pandemiefrei werden und es zurück zu vollen Küfa-Abenden, vollen Workshops und Seminaren mit ganz viel Kontakt gehen – denn davon lebt sie ja, die Soziokultur.

Völlig erschöpft von meinem Ausflug bin ich dann wieder in den 143er-Bus gestiegen und an den Schreibtisch zurückgekehrt. Erstmal wieder einen Beleg prüfen und runterkommen – von so viel Soziokultur in der Praxis.

Von jeher stellt Soziokultur Raum und Räume in der Gesellschaft infrage. Im Zusammenhang mit Globalisierung und Digitalisierung und befeuert durch die Corona-Krise ändert sich das Verständnis von Raum und der Umgang damit – auch für die Soziokultur.

Räume verändern ihre Bedeutung
„Räume für Soziokultur“ war das Thema der diesjährigen UTOPOLIS-Konferenz, die erstmals in einem eigens dafür geschaffenen virtuellen Konferenzraum stattfand, inklusive einem Markt der Möglichkeiten, digitalen Pausenräumen und abendlicher Disco. Fast so wie im richtigen Leben. Das Thema ist sicherlich nicht neu, hat durch Corona aber einen neuen Stellenwert bekommen. Warum? Zum einen haben viele soziokulturelle Zentren und Initiativen erfahren, wie wichtig das direkte kulturelle Umfeld geworden ist; zum anderen wurde der Raum ganz allgemein neu gedacht: Durch die diversen Lockdowns waren die gewohnten Räume zeitweilig nicht verfügbar, der virtuelle, aber auch der öffentliche Raum wurden neu entdeckt. Dazu kam, dass Menschen auch ihre privaten Räume zur Verfügung stellten, um Wohnzimmerlesungen oder Balkonkonzerte zu organisieren.

Für Kulturmacher*innen führte das zwangsweise Innehalten, die Unterbrechung des Hamsterrades, in dem sie oft stecken, nach einer Phase des Frustes aber auch zu so etwas wie Aufbruchstimmung, dazu, Motivation neu und anders zu denken, zu Lust auf Veränderung und mehr Mut für Zukunft. Das war beim Kulturkongress zu spüren, den der Kulturrat Nordrhein-Westfalen Anfang Mai organisierte, bei der Tagung „Soziokultur im Change!“ in Niedersachsen oder bei lokalen Diskussionen in anderen Bundesländern.

Dass der kulturelle Nahraum an Bedeutung gewinnt, ist ein Trend, der schon vor Corona zu beobachten war. In einer immer komplexer gewordenen Welt mit vielen offenen Fragen suchen Menschen nach überschaubaren Strukturen, verlassen sich eher auf Nachbarschaften und eigene Communities. „Global denken, lokal handeln“ ist ein populärer Slogan. Die Lebensmittel-Ausgabe für Bedürftige sorgt nicht für Verteilungsgerechtigkeit und das gemeinschaftlich genutzte Lastenrad für das Quartier schützt nicht vor dem Klimawandel, aber es sind Beispiele für konkretes Handeln, erste Antworten auf die Frage „Wie wollen wir leben?“.

Viele Zentren sind gerade in der Corona-Zeit kreativ geworden, haben Nachbarschaftshilfe organisiert oder kleine Konzerte vor Alten- und Pflegeheimen, sie haben Tanzworkshops online veranstaltet und den Poetry Slam live über Zoom gestreamt.

Räume anders definieren
Um Räume neu zu denken, müssen wir sie anders als über ihre Funktion definieren, wonach wir Räume fürs Wohnen nutzen und andere fürs Arbeiten, für Verkehr, Konsum, Freizeit. Auch Eigentumsverhältnisse wären ein Kriterium, so gibt es öffentlichen und privaten Raum. Vor allem sollten wir Kulturakteur*innen uns davon lösen, nur den Raum zu betrachten, den wir im soziokulturellen Zentrum, im Kulturverein oder in der Initiative zur Verfügung haben. Denn darüber hinaus lassen sich öffentliche und private Räume nutzen, digitale sowieso. Warum nicht Veranstaltungen von Beginn an als hybrides Format planen und organisieren, und zwar nicht nur als Notlösung, sondern um Reichweite zu gewinnen und mehr Teilhabe zu ermöglichen?

Dafür ist mehr Flexibilität erforderlich und sicherlich auch die Überwindung eingefahrener Routinen. Andererseits bringen neue Ideen neue Erfahrungen mit sich, ein neues Publikum, mehr Kooperationspartner und letztendlich einen Bedeutungsgewinn soziokultureller Arbeit. Erfolgreiche Projekte, die ihren Aktionsraum ausweiten, lassen sich in allen Bundesländern finden, beispielsweise „Listen to your „neigbourhood“ in Hamburg Wilhelmsburg, wo das Netzwerk Musik von den Elbinseln unter Corona-Bedingungen mit gutem Erfolg ein dezentrales und hybrides Festival auf die Beine stellte.

Eigene Räume öffnen
Gleichzeitig sollten wir auch über unsere eigenen Räume nachdenken. Wie können wir sie noch mehr als bisher für Kooperation und Vernetzung öffnen, sie aneignungsfähiger machen? Auf der oben erwähnten Kulturratskonferenz in Nordrhein-Westfalen gab es dazu in der Arbeitsgruppe „Stand- und Spielbeine der freien Kulturarbeit“ eine interessante Diskussion, in der es um den Gedanken der Allmende ging, die gemeinschaftlich genutzte (und gepflegte) Weidefläche. Interessanterweise wird dieser Gedanke der Gemeinwohlbewirtschaftung auch von den internationalen Macher*innen der kommenden Documenta in Kassel 2022 aufgegriffen und unter dem indonesischen Begriff „Lumbung“ (für Reisscheune) zum Leitmotiv gemacht.

Der öffentliche Raum war in der Corona-Zeit ursprünglich nur eine Ausweichmöglichkeit, doch er bietet darüber hinaus einige Vorteile: Hier finden zufällige Begegnungen statt, hier lassen sich „Noch-nicht-Nutzer*innen“ erreichen, hier begegnet man Menschen außerhalb der eigenen Blase. Street Art, eine Performance, ein Pop-Up-Konzert, eine Skulptur können zu Kulturgenuss, aber auch zu inhaltlicher Auseinandersetzung über gesellschaftspolitische Fragen einladen. Formate wie thematische Stadtrundgänge, Stadtteil-Rallyes, Audiowalks oder Stationen-Inszenierungen boomen gerade.

Über den digitalen Raum wird im Moment viel debattiert: Die einen sind froh, nicht mehr darauf beschränkt zu sein, andere plädieren dafür, digitale Tools auch weiterhin kreativ zu nutzen und Digitalität grundsätzlich mitzudenken. Es gilt zu bedenken, dass die „Konkurrenz“ zu unserem soziokulturellen Angebot weniger in den Opernhäusern, Stadttheatern oder staatlichen Museen besteht, als im Angebot privatwirtschaftlich organisierter internationaler Medien- und Entertainment-Konzerne wie Netflix, Disney, Amazon Prime oder der Games-Industrie mit ihren hochprofessionellen Produkten und Vermarktungsstrategien.

Neue Räume erschließen
„Träume brauchen Räume“ las ich neulich auf einem Transparent an einem besetzten Haus (ja, so etwas gibt es noch), welches jetzt zu einem Wohn- und Kulturort umfunktioniert wurde, nachdem es Jahre lang ungenutzt leer gestanden hatte. Wenn Soziokultur den Anspruch einer Thematisierung gesellschaftlicher Fragen ernst nehmen will, dann sollten wir uns in herrschende Verhältnisse einmischen, unsere Räume (und Ressourcen) verteidigen und neue Räume erschließen.

In Nordrhein-Westfalen ist gerade eine neue Gründerwelle zu beobachten, angetrieben von überwiegend jüngeren Aktivist*innen in Duisburg (Stapeltor), Münster (B-Side), Düsseldorf (K22) mit neuen Konzepten und sehr viel Engagement, und das nicht nur in den urbanen Zentren, sondern durchaus auch im ländlichen Raum. Von dieser neuen Generation kann man und frau lernen, sie verdient unsere Unterstützung. Ich möchte mit meinen Einlassungen und Anregungen Mut machen, nach und vielleicht auch mit Corona nicht einfach zu alten Zuständen zurückzukehren, sondern einige Schritte nach vorne zu wagen, neue Räume für soziokulturelle Arbeit (und mit ihr) zu entdecken, zu besetzen und zu gestalten. Ideen dafür gibt es genug.

 

Abb.: Screenshots mit Eindrücken der Konferenz | Der Beitrag basiert auf der Keynote zur virtuellen UTOPOLIS-Konferenz „Soziokultur digital im Quartier“ am 16./17. September 2021. | https://utopolis.online

Warum Game-Design Soziokultur für wirklich alle sein kann

Mit als Skepsis getarnter Neugier betreten die Mitglieder des Hannoveraner Clubs Mediale, einer selbstorganisierten Gruppe von Senior*innen, das Hannoveraner Kulturzentrum Pavillon. Niemand von ihnen hat mehr als eine vage Idee, was sich hinter dem Begriff „Game-Design“verbergen könnte, dem Titel ihres heutigen Treffens. Genauso geht es aber auch vielen anderen Zielgruppen der Soziokultur – und wahrscheinlich auch vielen Akteur*innen der Soziokultur selbst.

Game-Design bezeichnet schlichtweg den kreativen Prozess, sich ein Spiel auszudenken und zu entwerfen: Kontext, Ziel, Spielhandlung, Regeln, ästhetische Darstellung. Damit umfasst diese Tätigkeit sowohl die Arbeit an analogen Spielen (Brett- oder Kartenspiele, Bewegungsspiele, Rollenspiele) als auch an den beinahe unendlich vielen Genres digitaler Spiele. Letztere sind mittlerweile auch ohne jedwede Programmierkenntnis oder Vorerfahrung in digitalem Design herstellbar. Je nach Genre gibt es Angebote – sowohl kostenpflichtige als auch kostenlose –,die in ihrer Funktionsweise ähnlich aufgebaut sind wie die populären Social-Media-Anwendungen: Schaltflächen für Text, Felder, in die Bild-, Audio- und Videodateien geladen werden können, sowie verschiedene Optionen für die Darstellung und die Aktionsmöglichkeiten der Spieler*innen. Nichts, vor dem sich jemand fürchten müsste.

Komplett trivial ist Game-Design natürlich nicht. Wie bei allen kulturellen Tätigkeiten machen der Grad der Professionalität sowie die zeitlichen und finanziellen Ressourcen enorme Unterschiede aus. Allerdings scheint es so, als ob gerade in der Soziokultur die Hemmschwelle größer ist als etwa bei Theater-, Musik- oder Filmprojekten, und auch dort ist der Anspruch ja nicht, dass das Endprodukt mit der Hochkultur oder der Industrie mithalten muss. Natürlich ist uns soziokulturellen Projektleiter*innen auch an einem qualitativ möglichst hochwertigen Kulturgut am Ende des Prozesses gelegen; doch das Wesentliche ist, dass die Arbeit an dem Produkt Laien Kulturtechniken, Wissen über die Gesellschaft und über Vernetzung vermittelt und ihnen einen Austausch über relevante Themen ermöglicht. Wir denken in Formaten.

Game-Design kann vielfältige Kulturpraktiken und Interessen umfassen und diese in Zusammenhang mit politischer Auseinandersetzung bringen. Spiele sind sehr häufig eine Form, um eine Geschichte partizipativ zu erzählen. Handlung und Ziel des Spieles werden durch Storytelling in einen allgemeinen Rahmen eingebettet. In kreativen Prozessen lässt sich mit unterschiedlichen Zielgruppen viel miteinander verbinden: Momente des kreativen Schreibens, die Inszenierung, also die Planung des Raumes (ob nun virtuell, in Form eines Spielbrettes oder eines tatsächlichen analogen Raumes) und die Performance der Spieler*innen. Zudem verlangt jede Form des Spiels nach einer ästhetischen Umsetzung, sei es die Gestaltung von Spielkarten, eines räumlichen Spielfeldes oder einer digitalen Schaltfläche.

Im theatral-dramaturgischen Kontext wie auch in digitalen Spielen können musikalische, audiovisuelle und grafische Elemente genutzt werden. Weist das Thema des Spiels eine gesellschaftspolitische Fragestellung auf, gibt es praktisch keine individuelle Fähigkeit, kein individuelles Interesse, das das Format Game-Design nicht einbeziehen kann. Es ist somit ein soziokulturelles Format par excellence. Die Teilnehmenden des Clubs Mediale in Hannover hatten an diesem Prä-Corona-Tag enorme Freude daran, Erinnerungen an ihren Stadtteil in eine fiktive Geschichte im Rahmen einer Spiele-App zu überführen.

Man nehme: ein virtuelles soziokulturelles Zentrum, 25 Avatare, eine Portion Experimentierfreude sowie ein engagiertes Team und viele weitere helfende Köpfe und Hände. Die Zutaten für das „Rezept“ Online-Konferenz, mit denen der Bundesverband Soziokultur am 16. und 17. September 2021 im Rahmen des Bundesprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“ zwei interaktive Tage auf der 2D-Plattform WorkAdventure gestaltete, waren zunächst den Rahmenbedingungen der Pandemie geschuldet.

Geplant war ursprünglich eine Präsenz-Veranstaltung im September 2020. Unter dem Titel „Soziokultur nachhaltig im Quartier“ hätte diese sich nahtlos eingliedern können in die Reihe der Fachveranstaltungen zur (kulturellen) Stadtteilarbeit, die das UTOPOLIS-Programm seit Förderbeginn im Herbst 2018 durchführt. Aus bekannten Gründen kam alles anders; die Konferenz wurde in das Folgejahr verschoben und online angeboten. Schnell war klar: Das Motto „Neue Formate in der Stadtteilarbeit“ sollte die Situation der vergangenen eineinhalb Jahre mit optimistischer Blickrichtung zum Thema machen. Die Auswirkungen der Pandemie hatten selbstverständlich auch den Kulturbereich hart getroffen, insbesondere die kleinen soziokulturellen Zentren und Initiativen waren mit immensen Unsicherheiten und Existenzängsten konfrontiert. Doch nach einer ersten Schockstarre reagierten viele Akteur*innen durchaus mit Energie, Flexibilität und Kreativität auf die Situation.

Digitale und hybride Formate wurden entwickelt, um die Menschen weiterhin zu vernetzen, teilhaben zu lassen und die Quartiere trotz Kontaktbeschränkungen weitestgehend lebendig zu halten. Diese positive Dynamik und die Fragestellung, was an den unter Ausnahmebedingungen erprobten und eingesetzten Formaten auch in (hoffentlich bald kommenden) Nach-Pandemiezeiten spannend für die künstlerische Nachbarschaftsarbeit sein könnte, sollten somit als inhaltliche Klammer im Fokus der Konferenz stehen.

Digitale Weiterbildung erwünscht!
Der Schwerpunkt wurde dabei auf Digitalformate gelegt, die sich maßgeblich von der bisherigen Projektarbeit im Quartier unterschieden. Bisher lebte das UTOPOLIS-Programm von seinem aufsuchenden Ansatz, also der Präsenz an öffentlichen Orten wie Marktplätzen, Stadtparks, Einkaufszentren, Spielplätzen oder Ladenstraßen. Künstlerische Aktionen machten neugierig und luden Anwohner*innen zum Verweilen, Mitmachen und zum sozialen Miteinander ein. Während der Kontaktbeschränkungen galt es, Methoden zu entwickeln, die weiterhin eine Adressierung und Aktivierung der Anwohnerschaft ermöglichten. Der experimentelle Charakter des UTOPOLIS-Programms bot dabei einen großen Spielraum für die Erprobung neuer digitaler Formate. Die Bandbreite reichte von Online-Foto-Galerien wie dem Format … Guckst du Straße …? der Wuppertaler Färberei, bei dem während des ersten Lockdowns Anwohner*innen ihren Blick auf die Straße als kommentiertes Foto einreichen konnten, über Online-Tutorials zu verschiedensten Kunstformen, wie im saarländischen Neunkirchen von jugendlichen Anwohner*innen in Eigenregie vorgestellt, bis hin zu Materialboxen und Kulturbeuteln, mit denen der Nachbarschaft mithilfe digitaler und analoger Gebrauchsanweisungen gestalterische Aktivitäten nähergebracht wurden.

Der Bedarf am Ausbau medialer Kompetenzen war auch in einer Blitzumfrage im April 2021 deutlich geworden, mit der der Bundesverband Soziokultur die aktuelle Lage in soziokulturellen Zentren und Initiativen sowie weiteren Kultur- und Literaturzentren ermittelte. Ein Thema der Umfrage betraf den Fortbildungsbedarf hinsichtlich der Arbeit mit neuen Formaten: 58 Prozent der befragten Einrichtungen gaben an, eine Weiterbildung für digitale Formate im Rahmen von Seminaren, Tagungen und Konferenzen zu benötigen. 48,3 Prozent wünschten sich Weiterbildungen zur Vermittlung von Medienkompetenz an verschiedene Zielgruppen; 80,5 Prozent wollten sich gerne im Bereich der digitalen Formate in der Kulturvermittlung fortbilden. Die Konferenz ging somit auch auf diese geäußerten Notwendigkeiten ein.

Von der VR-Tour im Quartier bis zum Digital Storytelling
Zielgruppe waren Akteur*innen der (kulturellen) Stadtteilarbeit: Mitwirkende aus den Modellstandorten und weiteren soziokulturellen Zentren, aus Quartiersmanagement, Kultureinrichtungen, Nachbarschaftshäusern und Sozialvereinen; Künstler*innen; Fachkräfte der Jugendarbeit und der kulturellen Bildung; Verantwortliche aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung. Unter den Teilnehmenden waren auch die UTOPOLIS-Projektakteur*innen aller 16 Standorte, die auf einer Projektmesse Ausschnitte ihrer Arbeit präsentierten.
Konzeptionell waren für den ersten Tag diskursive LABs geplant mit Inputs, die zum Austausch über das Thema einluden, und am zweiten Tag Methoden und Tools zum praktischen Ausprobieren im Workshop-Format. Zunächst wurden den UTOPOLIS-Projektakteur*innen per Online-Umfrage konkrete Themenvorschläge zur Abstimmung gegeben. Dabei wurde eruiert, welche weiteren Themen als interessant für die Arbeit im Stadtteil und damit für die LABs und Workshops benannt würden. Das wichtigste Ziel war, den Teilnehmenden der Konferenz digitale Ansätze und Methoden der Stadtteilarbeit zu vermitteln. Es ging in den Workshops um das Kennenlernen von interaktiven künstlerischen Formaten („InteraktiveTheatermethoden“, „Digitales Storytelling“ und „Ideen visualisieren“) und Hybrid-Ansätzen, die computerbasierte und analoge Ansätze verbinden („Minecraft in der Stadtteilarbeit“, „VR-Tour im Quartier“, „Game Design“), sowie die Nutzung bestehender Online-Tools für die eigene Arbeit(„Erklärfilme produzieren“, „Zielgruppen erreichen mit Facebook und Instagram“ und „Youtube im pädagogischen Kontext“) sowie last but not least der Umgang mit digitalen Falschnachrichten („Verschwörungstheorien“).
Darüber hinaus war eine wichtige Prämisse, dass nicht nur die Methodik der Workshops, sondern auch das Setting der Konferenz experimentell und spielerisch sein und sich von der „Nicht-Ästhetik“ bestehender Konferenzsysteme abheben sollte. Mit der Open-Source-Plattform „WorkAdventure“der französischen Agentur The Coding Machine wurde für alle Neuland betreten: In der virtuellen 2D-Landschaft wurde ein soziokulturelles Zentrum als Konferenzhaus nachgebaut, in dem sich die Teilnehmenden mit Avataren bewegen und miteinander per Videochat kommunizieren konnten.

Das Feedback im Nachgang der Veranstaltung per Online-Evaluation war hinsichtlich der Tagungsatmosphäre, des technischen Supports, des Zeitmanagements und der Inhalte und Methodik der LABs und Workshops überwiegend positiv. Für ausnahmslos alle Workshops wurde eine Wiederholung gewünscht. Dies konnte mit einer weiteren Konferenz im Jahr 2021 unter dem Motto „Neue Formate REMIXED“ am 16. und 17. Dezember bereits umgesetzt werden. Über hundert Fachkräfte und Interessierte aus der kulturellen Stadtteilarbeit traten in gegenseitigen Austausch, brachten ihre jeweiligen Expertisen und Perspektiven ein und bildeten sich in den 20 Workshops fort.

In der Online-Auswertung im Nachgang der Konferenzen wurden außerdem neue Themen für zukünftige Fortbildungen vorgeschlagen, unter anderem eine grundlegende gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit digitaler Kommunikation, außerdem die Erreichung spezifischer Zielgruppen, Partizipation von Kindern und Jugendlichen, digitale Akquise von zivilgesellschaftlichem Engagement, der Umgang mit digitalen Tools sowie das große Thema „Nachhaltigkeit in der Stadtteilarbeit“. Letzteres wird nun tatsächlich das Thema für die kommende Jahreskonferenz am 13. und 14. September 2022 sein, für die noch die Formatfrage zu klären wäre.

Abbildungen: Screenshots mit Eindrücken der Konferenz